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Erinnerungen von Zahnarzt Gottfried Frohne, Wallenstraße 15
*1912 + 2005 - verfaßt etwa 1991/1992 -

Der Bitte seitens der Gemeinde Straßdorf, mich mit einem Beitrag an der neuanzulegenden Gemeinde-Chronik zu beteiligen, komme ich gerne nach.
Was mich bewegt und berechtigt, meine Erinnerungen zu Papier zu bringen, sind Empfindungen, die sich mit dem Wort „Heimat“ verbinden. Es ist ein Bericht, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Ich bin eben kein Poet oder Historiker; ich schreibe diese Aufzeichnungen, um an eine Zeit zu erinnern, die längst vergessen ist.
„Gedächtnis haben kalte Seelen,
die fühlenden Erinnerung“
(Friedrich Haug, Sinngedichte 1791)


Erinnerungen eines „Reingeschmeckten“
Die Wirren der Nachkriegszeit brachten es mit sich, daß innerhalb Deutschlands eine Wanderung nach neuen Lebensräumen und Existenzen einsetzte. Zuzug und Wohnraum waren d i e Themen dieser Zeit.
In meinen Unterlagen befinden sich einige der vielen abgelehnten Zuzugsanträge aus verschiedenen Städten und Gemeinden verschiedener Bundesländer. - Es waren würdelose Bettelreisen.
Durch Freunde kam ich nach Lorch. Nach all den Reisen durch zerbombte Städte und Dörfer wahrhaft in Paradies! Unterkunft und Mitarbeit fand ich bei einem Kollegen. Nach einem längeren Aufenthalt in Lorch dachte ich doch an eine gelegentliche berufliche Veränderung innerhalb Württembergs, dachte an eine Niederlassung in eigener Praxis. Die Mentalität der Schwaben lag mir, die Schönheiten des Landes sprachen mich an. In dieser Zeit gab es aber noch keine Niederlassungsfreiheit. Man mußte sich bei der dafür zuständigen Kammer in Stuttgart bewerben. Diese Zulassung kam einem wahren Glücksspiel gleich.
Es war im Sommer des Jahres 1951, in dem mich ein Brief dieser beruflichen Institution mit der freudigen Nachricht erreichte, der meine Niederlassung und damit zugleich Kassenzulassung für die Gemeinde Straßdorf anzeigte.
Wo Straßdorf lag, wußte ich. Ich hatte es einige Male, vom Hohenstaufen und Rechberg kommend, durchwandert. Und daß es hier ein Gasthaus mit dem Namen „Krone“ gab, wußte ich auch. Dieses Gasthaus lag, vom Rechberg kommend, an einer leichten Steigung innerhalb des Ortes und bereitete mir, nach langem Abstieg, immer einige Schwierigkeiten. - Mehr von Straßdorf wußte ich nicht.
Eine Genehmigung zur Ausübung meines Berufes hatte ich in den Händen. Was mir nun noch fehlte, war Wohnraum. Aber auch in Straßdorf waren damals weder Wohnung noch geeignete Praxisräume vorhanden. Direkte Ansprechpartner - außer dem Bürgermeister, der mir auch nicht helfen konnte - gab es für mich nicht. Ich mußte mich also auf den Zufall verlassen. - Und der kam.
Durch Vermittlung wurde ich mit der Familie Karl Reißmüller bekannt. In einem unverputzten Neubau bewohnte sie die unterste Etage. Das obere Stockwerk war noch nicht ausgebaut. Ich erinnere mich noch sehr genau an dieses unverputzte Haus und dessen unmittelbare Anrainergebäude. Ich kannte auch die Namen der darin wohnenden Familien.
Reißmüllers Neubau lag in der Wallengasse und war von einem Vorgarten umgeben. Ein Lattenzaun grenzte das gesamte Anwesen ab. Links neben dem Haus stand eine ungewöhnlich große und dunkle Holzkonstruktion. Sie wurde als Garage genutzt. Weiter links kam eine eingezäunte Wiese, die ihren Abschluß an einer Straße fand. Rechts neben dem Haus führte ein Feldweg ins freie Gelände, welches zum „Gräflich-Rechbergischen“ Besitz gehörte und an Kleingärtner verpachtet war.
Hier betrieb auch der „Hennen-Eugen“ seine Hühnerfarm. Neben diesem Weg, rechts, lag ein kleines Behelfsheim. Es wurde von der Familie Lück, einer Aussiedler-Familie, bewohnt. Neben dem Behelfsheim, zur Straße hin etwas vorgesetzt, stand ein Transformatorenhaus und weiter rechts, doch mit ziemlichem Abstand, befand sich das Haus des Eisenbahners Wanner. Die gegenüberliegende Straßenseite des Hauses Reißmüller war wenig bebaut.
Neben dem heutigen „Kälblesjägerweg“ - in einem kleinen Häuslein, umgeben von einem Gärtlein - wohnte ein Mann mit dem Namen Otto. Sicherlich hatte er auch einen Nachnamen. Damals war er mir nicht bekannt. Jeder nannte ihn eben nur „Otto“. - Er lebte zurückgezogen. Sein Gesicht war von multiplen Splittern eines Explosionsgeschosses entstellt.
Nebenan lag das große Brühl`sche Anwesen. Es wurde bewirtschaftet von den Eheleuten Hans und Gertrud Wingert. Und daneben, an den Primelweg angrenzend, wohnte der Goldschmied Hopfensitz.
Die Wallengasse - der Name gefiel mir – konnte man zu dieser Zeit wahrlich nicht als Straße bezeichnen. Sie war unbefestigt. Die Abwässer wurden durch offene Kandeln, die rechts und links des Weges verliefen, in die Hauptkanalisation geleitet. An manchen Tagen und je nach Witterung verbreiteten diese offenen Kanäle einen sehr unangenehmen Geruch und zogen auch mancherlei unerwünschte Kleintiere an. Ochsengespanne befuhren die Gasse, von lauten Stimmen angetrieben.
Doch zurück zur Familie Reißmüller, die sich bereit fand, mir den oberen Kniestock zu überlassen. Über diese Zusage war ich überaus glücklich. Den Zugang zu dieser Wohnung erreichte man über eine etwas geschwungene Treppe, die in die Geschichte des Hauses eingegangen ist: Sie wurde als Wartezimmer benutzt. Es war zwar ein Wartezimmer vorhanden, jedoch so klein, daß darin nur ein Stuhl darin Platz fand. Dieser war meistens von älteren oder gehbehinderten Patienten besetzt.
Der Eingang zur Wohnung - und damit auch zu diesem Wartezimmer - war durch eine Schiebetür zu erreichen. Sie war immer offen. Vor diesem Vorraum führte eine Tür in das Sprechzimmer und eine in die Küche – und damit in den privaten Teil der Wohnung. Zwischen diesen Türen in unmittelbarer Nähe des „Wartezimmer-Stuhles“ befand sich das Klo. Die Zeiten der Benutzung mußten vergeben werden. Es war ein „Plumps-Klo“ mit der Eigenschaft, im Winter gelegentlich einzufrieren. Wenn kein heißes Wasser half, mußte man sich anderweitig bemühen.
Das Sprechzimmer war klein, genügte aber den gestellten Anforderungen. Im Winter war es gemütlich warm, an manchen Sommertagen dagegen konnte es unerträglich heiß werden. Da halfen bloß noch Eispackungen auf Stirn und Nacken. Ein Raum zur Herstellung prothetischer Arbeiten war nicht vorhanden. So mußte die Küche – zum Leidwesen meiner Frau – zu diesem Zweck umfunktioniert werden. Es gab gelegentlich Probleme, die jedoch gut gelöst wurden.
Die restlichen Räume waren klein, doch sehr gemütlich. Ein Bad gab es nicht. Das wöchentliche große Reinigungsbad wurde im Hause des Friseurs und Fleischbeschauers absolviert. Es besaß zwei oder drei Wannen, die er gegen Entgelt der allgemeinen Benutzung freigab.
Mit der Familie Reißmüller waren meine Frau und ich herzlich verbunden - wir sind es heute noch. Herr Reißmüller, der auf den Hausnahmen „Kohlrab“ wohlwollend reagierte, war ein echter Schwabe. Deftig in der Aussprache, humorvoll, ehrlich und hilfsbereit. Er war ein brillanter Handwerker und ein Mann, auf den Verlaß war. Frau Reißmüller, die Seele der Familie, war mit ihren gut erzogenen Kindern nie aus der Ruhe zu bringen und trug viel zu unser aller Wohlbefinden bei.
Im November 1951 konnte ich dann meine Praxis aufnehmen. An Patienten mangelte es nicht. Das Problem des allzu kleinen Warteraumes machte mir Schwierigkeiten. Meine Patienten störte das nicht, sie nahmen besagte Treppe in Besitz und es ging. Es ging zu meiner großen Erleichterung sogar sehr gut.
Da immer ein ständiges Kommen und Gehen zu verzeichnen war, kann man sich die Unruhe in diesem Hause vorstellen. Diese Unruhe hörte ja nicht etwa gegen 18.00 Uhr auf - nein - sie dauerte bis in die späten Abendstunden hinein, und nicht selten verließ der letzte Patient erst gegen 23.00 Uhr die Praxis und damit das Haus.
Für die Familie Reißmüller war dies zum Glück kein Problem. Sie arrangierte sich und unser „Kohlrab“ ließ es sich nicht nehmen, vor allem an schwülen und heißen Sommertagen, wenn die Wärme im Haus stand, die Patienten mit kühlem Most zu erfrischen. Von Langeweile auf dieser Treppe konnte also keine Rede sein. Es (sie) war sicherlich das fröhlichste Wartezimmer, das es je gegeben hat und sicherlich nicht mehr geben wird.
Nach einigen Jahren der Enge war es wohl mehr als natürlich, wenn sich der Wunsch nach größeren Praxisräumen regte. Ich spielte sogar mit dem Gedanken eines eigenen Praxisbaues. Ich stellte mir ein großes, geräumiges Wartezimmer und demgemäße Praxisräume vor, verbunden mit einem Labor und einem kleinen Ruheraum für extreme Fälle.
Nach reiflicher finanzieller Überlegung wollte ich Wunsch und Gedanken in die Tat umsetzen. Die Schwierigkeit lag in der Bauplatzbeschaffung. Sie konnte gelöst werden durch die Vermittlung des damaligen Bürgermeisters, Herrn Beck, und des Ehepaares Wingert. Diesen Menschen habe ich es zu verdanken, daß ich einen Teil des Brühl`schen Grundstücks erwerben konnte. Ein Grundstück ideal für meine Pläne. Es lag zwischen dem Brühl`schen Haus und dem Anwesen der Eheleute Hopfensitz. Es wurde als Obstgarten genutzt.
Die Grundsteinlegung erfolgte am 09. August des Jahres 1954 und bereits am 17. Januar 1955 stand der Praxisbau so wie ich ihn geplant, wie ich ihn mir gewünscht hatte: genügend Raum mit freundlichen und zweckmäßig eingerichteten Behandlungsräumen und großen Fenstern zur Nordseite hin. Wesentlich später, im Februar 1958, war auch das Wohnhaus zum Einzug bereit. In der Zwischenzeit wohnten wir immer noch privat bei der liebenswerten Familie Reißmüller.
In der langen Zeit meiner beruflichen Tätigkeit hatte ich immer einen guten, ja sehr oft einen freundschaftlichen Kontakt zu meinen Patienten. Das Gespräch von Mensch zu Mensch nahm dabei einen hohen Stellenwert ein. Hemmungen wurden dadurch abgebaut, das Gespräch freier und offener. Man konnte sich schwäbisch artikulieren, man konnte „schwätze“.
Ich muß betonen, daß ich mich mit dem rauhen und doch so angenehm wohlklingenden Schwäbisch und der daraus resultierenden deftigen Ausdrucksweise nicht sehr schwer tat, darüber aber in meinen Anfangszeiten gelegentlich doch etwas schockiert war.
Aus meinen Aufzeichnungen entnehme ich einige Kostproben:
So kam u.a. auch einmal eine junge und ledige Patientin mit dem Ausspruch in meine Sprechstunde gestürzt: „O Frohne, da leckst me am Arsch, i kriag a Kend!“
Nach meiner Verblüffung über so viel freie Meinungsäußerung konnten wir dann in Ruhe die Situation besprechen und vor allem die Frage klären, „wie sag` ich`s meinen Eltern“. Die Frage wurde geklärt und erleichtert verabschiedete sich die werdende Mutter von mir mit einem „Dankeschön“.
Kinder zu behandeln bereitete mir immer große Freude. Sie waren die dankbarsten Patienten. Es vergingen manchesmal unendliche viele Sitzungen, bis so ein kleiner Patient erstmals seinen Mund zur Inspektion aufgemacht hat. Das hing in sehr häufigen Fällen mit der Erziehung zusammen. Man drohte den Kindern bei Ungehorsam mit dem Zahnarzt. Kurzum, ich war in vielen Fällen gezwungen, mit vielen Tricks zu arbeiten, um mir das Vertrauen der Kinder zu erwerben. Ich legte also häufig provisorische Einlagen. Einlagen, welche sich bald wieder lösten, wenn der Patient den Mund sofort wieder schloß. Und so kam es auch, daß mir ein solch kleiner Patient beim nächsten Besuch sagte: „wa hosch du mir wieder für an „Scheiß“ do nei do.“
Der Alfons, genannt „Fons“, war ein Original. Seine Frau Hilda hatte Zahnschmerzen und war sehr ängstlich. Fons bot ihr 5,-- DM, wenn sie tapfer sei. Der Schmerz wurde beseitigt und eine Füllung gelegt. Zur Trockenlegung des zu behandelnden unteren Sektors mußte damals aber ein Apparat eingeführt werden, der die Zunge sehr einengte und ein Sprechen fast unmöglich machte. In diesem Zustand seiner Frau sagte dann der Fons zu mir: “So an Apparat soll`t i auch z`Haus han, no hätt i vor der Schimpferei a Ruh.“ Sofort meldete sich da aber Hilda und murmelte so gut es eben in diesem Zustand ging, „des könnt se trotz des Apparats.“ Darauf der Fons: „So isch`s no au wieder - meiner Hilda ka mer en Roßbolla ins Maul schieaba ond se schempft weiter.“ Als ich später Hilda nach den versprochenen 5,- DM befragte, sagte sie mir ganz verächtlich: „Dr Lombaseckel hat zu mir g`sait, i soll se mir vom Haushaltsgeld nemma.“
Ein Bauer aus der weiteren Umgebung hatte im Laufe der Jahre alle Zähne verloren. Da er sehr geizig war, ließ er sich keinerlei Zahnersatz anfertigen. Eines Tages kam er in die Sprechstunde mit unmöglichen dritten Zähnen. Ich sollte ihm Druckstellen entfernen, sie würden ihn so plagen. Als ich ihn näher nach der Herkunft dieser Zähne befragte und ihm sagte, daß diese unmögich seien, gestand er mir, daß dies die Zähne seiner verstorbenen Frau seien. - Es wurden dann neue Zähne angefertigt, auf die er später sehr stolz war.
Unser lieber Nachbar Hopfensitz erlag neben seinem Haus - im Gärtle - einem Herzversagen. Als man davon seine Frau verständigte, sagte sie nur: „Ond i han ihm so a scheens Veschper na`gricht.“
An die Ausdrücke: „I han Schmerza wi an Gaul“ und „I blut wi a Sau“ hatte ich mich ebenso schnell gewöhnt wie an die Formulierung: „Jonger, mach`s Maul auf, sonscht klopf i dir da Arsch voll.“
Meine Frau hatte da aber so ihre Schwierigkeiten. Auch heute noch. Es hängt sicherlich damit zusammen, daß sie als Hausfrau nicht so den Kontakt mit den Menschen hatte wie ich. Den Dialekt liebt sie aber sehr.


Rückblick:
Seit meinem Praxisbeginn sind fast 40 Jahre vergangen. Es war eine Zeit, in der sich vieles in Straßdorf, insbesondere in dem kleinen Stück „Wallengasse“, verändert hat. Die Wallengasse wurde ausgebaut und heißt stolz „Wallenstraße“. Die Ochsengespanne haben den Autos Platz gemacht. Die Fahrradständer vor der Praxis haben ihr Daseinsrecht verloren - Parkplätze sind gefragt. Die große Reißmüller`sche Garage gibt es seit vielen Jahren nicht mehr. Auf einem Teil des Geländes steht heute ein Cafè.
An der Stelle, wo „Ottos Hüttle“ gestanden hat, wohnt jetzt in einem schmucken Einfamilienhaus die Familie Herzog. Auf dem Gelände des Behelfsheimes und des Transformatorenhauses stehen die neue Schule und die Römersporthalle.
Das Haus Wanner ist schön hergerichtet, der alte Musiker und Freund der Fröhlichkeit, Wanner, hat schon seit längerer Zeit sein Instrument aus der Hand gelegt - sein Lachen gehört der Vergangenheit an. Das Haus Hopfensitz steht leer, zerschlagene Fensterscheiben starren einem entgegen. Der Garten ist verwildert.
Schön rausgeputzt ist auch das Haus der Reißmüllers - das Original „Kohlrab“ trugen wir vor einigen Jahren zu Grabe. Unsere Nachbarn Hans und Gertrud Wingert versorgen ihr Anwesen noch so gut es geht, ihr Haus ist hergerichtet, leuchtet in heller Farbe. Den Motorsport hat Hans Wingert schon lange aufgegeben. Er hatte in den 50er-Jahren einen DKW-Club ins Leben gerufen, der sich großen Zuspruchs erfreute. Die Ausfahrten im Konvoi waren bekannt und beliebt.


Vieles hat sich geändert - eines jedoch nicht: Die guten und hilfsbereiten Nachbarn. Ihnen sind wir in Dankbarkeit verbunden. Sie haben viel, sehr viel zum Wohlbefinden unser aller beigetragen, haben uns Straßdorf mit zur Heimat werden lassen.
An die Verstorbenen denken wir in Liebe zurück.
Gottfried Frohne