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Kindheits- und Jugenderinnerungen
an die Nachkriegszeit in Straßdorf

von Ernst Plass

Über die letzten Kriegstage und die Nachkriegszeit hat Rektor a.D. Adolf Hägele im Straßdorfer Heimatbuch in mehreren Kapiteln berichtet. Adolf Hägele hat das 1993 erschienene Buch federführend mitgestaltet. Es trägt den Titel „Aus der Vergangenheit von Straßdorf, Reitprechts und Metlangen“ und vermittelt, ausgeschmückt mit vielen historischen Fotos, eine gelungene, umfassende Darstellung der Geschichte unseres Dorfes.

Wie erlebten Kinder die denkwürdige Zeit nach dem 2. Weltkrieg? Während sich unsere Eltern in der allgemeinen Not damals um das tägliche Brot für die Familie und die Bewältigung des schweren Alltags mühten, empfanden wir Kinder alles weit weniger schlimm. Wir kannten ja nichts anderes. Diese Jahre waren aber auch für Kinder so reich an Erlebnissen, daß es schade wäre, die Erinnerungen daran nicht schriftlich festzuhalten und auf diese Weise gleichzeitig die Ortschronik um einige Kapitel zu bereichern.

Mehrere „ältere Straßdorfer“ haben meinen ersten Entwurf gegengelesen. Erfreulicherweise steuerten sie daraufhin ergänzend eigene Erinnerungen bei, die ich anschließend in meinen Text eingearbeitet habe. Hierfür bedanke ich mich insbesondere bei Gerda Betz geb. Klotzbücher, Mathilde Reißmüller geb. Maier, Rektor i.R. Otto Bader, Hans Baumhauer, Max Hummel, Albert Scherrenbacher und Werner Rieg.

Die Amis

Nachhaltigen Eindruck hinterließen die Amerikaner - „d` Ami“! Sie waren unsere Besatzungsmacht, denn Deutschland hatte ja den Krieg verloren. Wir Kinder mochten die Amis. Immer wieder rollten sie in langen Konvois in Jeeps und auf Pritschenwagen durch den Ort. Buben und Mädchen standen am Straßenrand und winkten feste. Die Soldaten warfen uns Kaugummis, Schokolade oder Kekspackungen zu, um die es dann jedes Mal ein Gerangel gab. Man merkte es den Amerikanern an, daß es ihnen selber viel Spaß machte. Man hatte sich längst daran gewöhnt, daß es nicht nur weiße, sondern auch dunkelfarbige Amis gab. Damals durfte man noch Neger sagen. Und sie waren mindestens genau so freundlich wie ihre weißen Kameraden und immer gut drauf.

Auf dem Gelände hinter der Marienkapelle beim Bergschlößle hatten die Amerikaner bis Herbst 1945 ein Zeltlager eingerichtet, in dem überwiegend Farbige untergebracht waren. Straßdorfer Frauen, so berichtet Gerda Betz, bot sich die Gelegenheit, für die Soldaten Wäsche zu waschen. Sie erhielten dazu von den Amis das Waschpulver und als Gegenleistung für die saubere Wäsche anschließend Kaffee, Schokolade, Kaugummis und Zigaretten. Und was man sogar heute noch hinter vorgehaltener Hand im Dorf zu hören bekommt: Es soll damals auch Frauen gegeben haben, die nicht nur der Wäsche wegen die Zelte hinterm Käpelle aufsuchten.

Leben in Zeiten der Not

Die Menschen wohnten recht beengt. In vielen Häusern waren dazu noch Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten zwangsweise einquartiert, was die Raumnot verschärfte und manchmal zu Spannungen führte. Zudem hatten bereits während des Krieges Evakuierte aus den zerbombten Städten wie Stuttgart und Pforzheim in Straßdorf Zuflucht gesucht. In den Häusern gab es noch keine Bäder, aber wenigstens Aborte. Als Klopapier dienten vor allem Zeitungen, die man sich „zuschnitt“. Die Gruben mußten von Zeit zu Zeit geleert werden - nichts für empfindliche Nasen! Mit dem Inhalt düngte man Hausgärten und Felder.

Es reichte nur zu kargen Mahlzeiten. So manche Mutter ging zu den Bauern betteln und freute sich über ein Stück Brot, etwas Milch oder ein paar Eier. Man nannte das „hamstern“.
Es gab auch viele, die Bettwäsche, Tischtücher, Uhren und Schmuck, alles was entbehrlich war, bei Bauern gegen Nahrungsmittel eintauschten. Die Not trieb ganze Familien auf die abgeernteten Getreidefelder zum „Ähren lesen“. Sie sammelten die liegen gebliebenen Ährenhalme auf, um sie beim Müller für Mehl einzutauschen. Auch bei der Kartoffelernte das gleiche Bild: Jedes Kartöffelchen wurde aufgeklaubt und im Säckchen verstaut. Wir Kinder empfanden dabei kein Schamgefühl und ich glaube, die meisten Erwachsenen ebenfalls nicht. Man wußte ja, daß es fast allen schlecht ging.

Kinder machten sich selber Bonbons: In einer Pfanne wurde Milch mit Zucker auf dem Ofen so lange heiß gemacht, bis sich das Ganze zu einem Stück verfestigte, das man dann zerbröckelte und „schlotzte“.

Im Herbst fuhren viele Straßdorfer gemeinsam aufs Albuch, um in den Buchenwäldern Bucheckern („Buachala“) zu sammeln. Aus den Bucheckern preßte man später Öl. Wie man hörte, soll es dabei ganz unterhaltsam zugegangen sein.

Unterhaltsam ging es auch immer beim Milchhäusle zu. Es stand, etwas zurückgesetzt, auf dem Grundstück der heutigen Apotheke und wurde von den hiesigen Bauern in Form einer Milchverwertungsgenossenschaft betrieben. Die Landwirte lieferten dort ihre Milch ab, wo sie in großen Sammelbehältern gekühlt wurde und werktags in den frühen Abendstunden zum Verkauf kam. Schon lange vor Öffnung bildete sich eine Käuferschlange die Treppe herunter. Man verkürzte sich die Wartezeit mit Herumschäkern und Dorftratsch. Es dauerte, bis man es endlich bis zu Sofie Schleicher geschafft hatte, die am Ausschank den Hebel umlegte und die Kanne füllte.

Buben hüteten für die Bauern Kühe. Weidegebiete waren im Forst (Hohewiesen), in der Halde oder am Schirenhof. Dafür bekamen sie ein Vesper und durften vielleicht einige Naturalien mit nach Hause nehmen. Freunde gesellten sich beim Hüten dazu, gemeinsam vertrieb man sich die Zeit. Im Herbst klaute man einige Kartoffeln von den Feldern und briet sie in einem Feuerle. Die heißen Kartoffeln schmeckten wunderbar - samt ihrer schwarzen Kruste oder gerade deshalb!

Statt leckerer Wurst mußte man sich mit Blunzen begnügen, rote, schwabbelige Gebilde. Sie füllten jedenfalls den Bauch und so ganz schlecht schmeckten sie ja nicht! Dienstag war Schlachttag. An diesem Tag schenkten die Metzger kostenlos Metzelbrühe an ihre Kunden aus. Diese stellten im Flur ihre leeren Milchkannen ab und holten sie später, mit Brühe gefüllt, wieder ab. Je mehr Leberwürste dem Metzger vorher im Kessel aufgeplatzt waren, desto schmackhafter die Brühe! Daheim schnitt man schwarzes Brot hinein und so wurde aus der Metzelbrühe eine wunderbare Brotsuppe.

Es gab zwei Geschäfte im Dorf: den oberen Beck`(Menrad) und den unteren Beck` (Klotzbücher). Es waren nicht nur Bäckereien, sondern gleichzeitig gemütliche Tante Emma-Läden. Und man erfuhr dabei immer das neueste aus dem Dorfleben! Vor der Währungsreform 1948 war aber das Warenangebot mehr als dürftig. Außer auf Lebensmittelkarten konnte man kaum etwas kaufen. Das Geld, die alte Reichsmark, war nichts wert. Dafür blühte der Schwarzhandel, was man verstehen konnte, “wenn man bedenkt, daß den Bürgern pro Person Lebensmittelkarten zum Kauf von nur 1500 Gramm Brot, 200 Gramm Fleisch, 100 Gramm Fett, 120 Gramm Nährmittel pro Woche zugeteilt wurden. Milch und Zucker bekamen nur die Kleinkinder“ (Zitat aus Hägele`s Heimatbuch, Seite 62). Um die Lebensmittelkarten stand man im Rathaus an. Beim Einkaufen hatte man die Karte entweder dabei und die Verkäuferin schnitt sich die entsprechenden Markenabschnitte selbst heraus oder man machte das vorher zu Hause und gab die Zettelchen im Laden ab. Die Ladeninhaber mußten später mit der Behörde abrechnen. Dazu, so erzählt Mathilde Reißmüller, kam am Sonntagnachmittag bei der Familie Menrad (oberer Beck`) die gesamte Verwandtschaft zusammen, um die abgegebenen Lebensmittelmarken - sortiert nach Wertigkeit - auf alte Tapetenreste aufzukleben. Als Kleister diente ein Brei, der aus Mehl und Wasser angerührt wurde. Bei diesen Klebenachmittagen wurde viel erzählt und gesungen, es ging dabei stets recht fröhlich und lustig zu.

Ein heute längst vergessenes Nahrungsmittel waren damals Trockenmilch und Trockenei, die man in Tüten kaufte. Kinder schleckten gerne davon.

Roland Gölz - er wohnte in der Dorfmitte - erinnert sich, wie die Kinder beim unteren Beck` (Davidsbeck“) um „Bärendreck“ Schlange standen. Zehn Pfennig kostete das Stückle. Wenn der Leckerbissen ausverkauft war, konnte man ersatzweise ein Dreieckskäsle erhalten.

Zum Überleben benötigte jede Familie ein Leiterwägele! Damit holte man Brennholz aus den Wäldern, transportierte Kohle, die es bei Fa. Häberle am Burren von Zeit zu Zeit zu kaufen gab oder brachte Mist in die Kleingärten („ ins Äckerle“). Die größten Kleingartengebiete lagen auf dem Areal, wo sich jetzt Hauptschule bzw. Sportplatz befinden sowie im Bereich der heutigen Xaver-Bader-Straße. Da die Wälder wie leergefegt waren, erwarben die Leute „Holzschläge“ beim Förster. Dann durfte man in einem bestimmten Waldstück das Kleinholz abräumen, Äste zusammentragen und Tannenzapfen aufklauben. Waren Säcke und Leiterwagen endlich voll, mußte nach der Schinderei im Wald noch der Weg nach Hause zurückgelegt werden, der einem als Kind unendlich weit vorkam.

Eine Besonderheit und nur von starken Männern zu bewältigen war das „Stöckgraben“ im Wald, also das Ausgraben von Baumstümpfen. Dazu benötigte man die Erlaubnis des Försters. Mühsam war allein schon, das notwendige Werkzeug mitzuschleppen: Spaten, Beil, Axt, Pickel, Eisenkeile und manchmal sogar eine Winde. Nach der Knochenarbeit im Wald und dem Transport nach Hause mußte das Stockholz so zerkleinert werden, dass es in das Ofenloch passte. Es war ein sehr gutes Brennholz. Man sagte: “Das Stockholz gibt dreimal warm, beim Ausgraben, beim Zerkleinern und schließlich im Ofen.“ Das „Stumpenschießen“ wäre weniger anstrengend gewesen. Aber der Besitz von Waffen und Sprengstoff war damals noch von der amerikanischen Militärregierung streng verboten. Als später dann dieses Verbot fiel, besann man sich sofort des Stumpenschießens, wie sich Max Hummel zurückerinnert. Und Ernst Läpple, ein Hüne von Gestalt, war ein gefragter Mann! Als Sprengmeister bei der Baufirma Cavatoni konnte er mit Pulver umgehen und er ließ sich bereitwillig nebenher zum Stumpenschießen engagieren. Um einen lustigen Spruch war er nie verlegen.

Viele Familien hielten sich Hasen und, wenn man den Platz dafür hatte, auch Hühner. Die Kinder wurden ständig um Hasenfutter geschickt, sie mußten beim Schlachten der Tiere helfen und beim Misten der Hasenställe. Es soll auch vorgekommen sein, daß mancher schlachtreife Hase plötzlich im Stall fehlte und in einem fremden Kochtopf landete! Die Hasenfelle ließ man austrocknen und legte sie für Herrn Herrmann bereit, der sie aufkaufte. Der freundliche Mann aus der Brühlstraße („An der Schmiede“) kündigte sich stets mit seiner Glocke an: „Hasafell - Goißafell!“.

Im Herbst wurde „gemoschtet“. Mostpressen standen bei Schreiner Josef Zeller (wo wir wohnten), bei Küfer Franz Wilhelm in der Froschlach, im Keller der Darlehenskasse und bei Julius Hartmann im Oberdorf. Dorthin brachte man auf dem Handwägele seine Obstsäcke. Die Bauern fuhren mit Traktor und Anhänger vor. Es ging hektisch zu. Der Saft wurde in einem Behälter nach Hause gekarrt und dann mittels Schlauch, den man ansaugte, durchs Kellerfenster hinunter in das (vorher ausgeschwefelte) Mostfäßle befördert. Vorher füllte man sich eine Kanne Süßmost ab, der wunderbar schmeckte, der es aber auch in sich hatte! Im Keller wurde dem Most noch etwas Zucker beigemischt. Im Winter, nach der Gärung, erfolgte der spannende Faßanstich: „Isch r` wieder guat worra, dr`Moscht?“ Der Trester (Maische) wurde ebenfalls verwertet. Man schüttete ihn in einen Bottich, füllte diesen mit Wasser auf und ließ ihn einige Tage stehen. Danach kam er wieder in die Presse. Den so verdünnten Saft, den „Nachdruck“, mischte man dem Most bei. Das ergab erstens eine größere Menge, zweitens enthielt das Getränk weniger Alkohol. Der Mostkrug stand später den ganzen Tag auf dem Tisch und alle, auch die Kinder, konnten daraus trinken!

Auch Sauerkraut machten sich viele zu Hause im Keller ein. Kinder besorgten das „Krautstampfen“. Lage um Lage häufte man gehobeltes Kraut im Faß an, streute Salz und Kümmel darauf und dann wurde barfuß so lange gestampft, bis die weiße Brühe zwischen den Zehen durchquoll.

Die Menschen gingen ärmlich angezogen. Alte Fotos belegen dies. Bekleidung gab es nirgends zu kaufen, außerdem war es viel wichtiger, etwas zu essen zu haben. Wenn man Geschwister hatte, wurden die Kleider vom Ältesten bis zum Jüngsten weitergegeben, leicht vorzustellen, wie sie beim Letzten ausgesehen haben! Selbst wir Schulbuben mußten zu unseren kurzen Hosen entwürdigende Wollstrümpfe tragen, befestigt entweder mit Gummiband oder mit Strapsen! Als ich 1948 zur Kommunion kam, bereitete es daheim große Sorge, was der Bua` denn anziehen solle. Ein Problem war auch die Beschaffung der Kommunionkerze.

Alte Schuhe wurden nicht weggeworfen, man flickte sie bis sie auseinander fielen. Das
Schuhmacherhandwerk blühte. Man erinnert sich an die Schuhmacher Eugen Mann, Vogel, Heinrich Frick, Ernst Bauchert und August Plass, meinen Vater. Ihre Werkstätten waren gleichzeitig auch Kommunikationsstätten. Hier wurden viele Neuigkeiten ausgetauscht, es wurde diskutiert, kritisiert und politisiert.

Im zweiten Weltkrieg mußten leider auch viele junge Straßdorfer ihr Leben lassen. Umso größer war die Freude, wenn so nach und nach die Überlebenden aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrten. Die Angehörigen waren meist schon vorinformiert und brachten an Gartentoren und Haustüren blumengeschmückte Schilder an: „Herzlich willkommen!“. Es sprach sich schnell herum und das Dorf freute sich mit.

Währungsreform – Wende zum Besseren

Die Währungsreform im Juni 1948 wirkte wie eine Frischzellenkur. Die Menschen erfüllte eine Aufbruchsstimmung. Das übertrug sich auch auf die Kinder. Plötzlich füllten sich wieder die Läden mit Waren. Die Eltern bekamen neues Geld, die D-Mark. Pro Person erhielt man vom Staat 40,-- DM als Startkapital. Plötzlich konnte man alles kaufen. Man wunderte sich, wo die vielen Waren plötzlich alle herkamen. So war zum Beispiel der Stoffladen Pleiner in Gmünd in der Klösterlestraße voll mit Stoffen. Dort kaufte man, so erzählte mir Frau Gerda Betz, mit dem wenigen Geld die Stoffe sehr teuer ein. Dann trug man sie zum Schneider Völkel (Kirchgasse in Laichle`s Haus) und ließ sich Mäntel, Kostüme und Anzüge nähen.

Für mich als Zehnjährigen die einprägsamste Erinnerung an die Währungsreform: Im „Hirsch“ (Gasthaus, Metzgerei, Konditorei) gab es „Schäumle“! Das weiße Gebäck aus Eiklar und Zucker schmeckte köstlich. Das war aber noch nicht alles. Konditormeister Baumhauer schaffte sich eine Eismaschine an. Straßdorf schleckte zum ersten Mal Eis! Wir Kinder durften oft dabei zuschauen, wie der Meister die Zutaten Milch, Zucker und Sahne in die rotierende Kupferschüssel schüttete und immer wieder von einem Schaber die Qualität kostete. Ebenfalls sehr begehrt als besondere Spezialität an Ostern waren seine Zuckerhasen. Es gab sie in allen Größen und Farben. Herr Baumhauer mischte dem geschmolzenen Zucker Farbe bei und goss ihn in Alu-Formen, wobei die Zuckermasse sofort wieder ausgeleert wurde. Nach dem Erkalten ging er daran, die Formen vorsichtig zu öffnen. Nur selten kam es zum Bruch, meistens lächelte er zufrieden über die gelungenen Kunstwerke. War trotzdem einmal ein zerbrochenes Häschen dabei, freuten sich die Kinder über den süßen „Abfall“. Was der Konditor nicht als Bestellung verkaufte, wurde im Schaufenster ausgestellt, an dem wir uns die Nase platt drückten.

Für Kinder gab es noch eine weitere preiswerte Leckerei: Brausepulver von Frigeo! Man das riss das Tütchen auf, streute das Pulver auf die Handfläche und schleckte genüßlich.

Nach und nach entstanden weitere kleine Dorfläden: das „Schwalbennest“ an der Ecke Einhornstraße/Pfauenweg, geführt vom Ehepaar Strobel, das Geschäft Hilde Kocheise in der Marienstraße und das Lädle von Frau Pölke im Schorrenweg.

Schule und Kirche

Wo heute das Hochhaus steht, befand sich früher die Volksschule. Bis 1938 diente das große, grün gestrichene Gebäude als Schul- und Rathaus, danach nur noch als Schule. Im Obergeschoß hatte Oberlehrer Herrmann Stitz seine Dienstwohnung. An der Südseite zum Spritzenhaus hin waren die Toiletten. Sie stanken penetrant. Die Volksschule bestand aus
8 Klassen, jeweils 2 Klassen wurden in einem Raum gemeinsam unterrichtet. Für alle Schüler reichte das Haus aber nicht aus, die Klassen 5 und 6 wurden in das Schulhaus Fraidel neben der „Krone“ ausquartiert.

In der Schule wurden wir in christlichem Geiste und zur Liebe zur Heimat erzogen. Fräulein Zumbühl, unsere Klassenlehrerin in der 3. Und 4. Klasse, begann jede Unterrichtsstunde mit der Frage: „Was heißt Straßdorf?“ Die Klasse hatte im Chor zu antworten: „Dorf an der Straße!“. Prügelstrafe war etwas Selbstverständliches. Auf dem Lehrerpult lag ständig der Rohrstock (Tatzenstecken). Es verging kaum ein Schultag, an dem der Tatzenstecken nicht zum Einsatz kam. Wahrscheinlich hatten wir das verdient! Die Hiebe gab es entweder auf die geöffnete Handfläche (Tatzen) oder auf den Hintern (Hosenspanner). Darüber regte sich niemand groß auf, unsere Eltern hatten andere Sorgen. Selbst in der Religionsstunde griffen die Pfarrer zum Tatzenstecken. Insbesondere Herr Pfarrer Geiger, der sich bei Kriegsende für Straßdorfer Bürger höchst verdienstvoll bei den Amerikanern eingesetzt hatte, teilte heftige Schläge aus, nicht nur fürs Schwätzen, auch fürs Kirchenschwänzen!

Sogar beim sonntäglichen Gottesdienst in der Kirche geriet Pfarrer Geiger immer wieder in Zorn. Sobald er sich durch die unruhigen Kinder gestört fühlte, unterbrach er Predigt oder Meßhandlung und ließ ein verbales Donnerwetter los. Mit ein Grund war vielleicht, daß damals noch die Priester am Hochaltar mit dem Rücken zum Volk die Messe zelebrierten, so daß der direkte Blickkontakt zu ihren „Schäfchen“ fehlte. Allerdings hatte außerdem noch Schwester Syra, eine unserer drei Ordensschwestern, stets ein Auge auf Störenfriede! Häufig verließ sie ihre Bank, mahnte mit dem Zeigefinger und zog die Kerle gehörig an den Haaren. Die Gemeinde reagierte gelassen. All dies hielt uns nicht davon ab, weiterhin jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, oft sogar in die Nachmittagsandacht, und Hochwürden und den Schwestern weiterhin respektvoll zu begegnen. Wenn man ihnen auf der Straße begegnete, gab man die Hand und sagte „Gelobt sei Jesus Christus“. Die Buben verbeugten sich dabei, die Mädchen knicksten. Die Ordensschwestern wohnten im Schlößle (heute Praxis Dr. Wendeberg) und wirkten im Dorf sehr segensreich. Die Schwester Oberin lehrte in der Schule Handarbeit, Schwester Stanislaus leitete den Kindergarten im Schlößle und Schwester Syra pflegte Alte und Kranke; in unserem Hause ging sie ein und aus.

Als Pfarrer Geiger 1947 aus dem Amt schied, war die Pfarrstelle viele Monate unbesetzt. Auswärtige Priester sprangen ein. Sonntags war man immer gespannt, wer dieses Mal die Messe hielt und auf der Kanzel predigte. Am häufigsten half der Waldstetter Kaplan Abele aus. Er spielte sogar mit den Ministranten auf dem Rathausplatz Fußball. Dekan Mager vom Gmünder Münster sah man ebenfalls oft in Straßdorf, mit seinem Bürstenhaarschnitt ist er mir noch in guter Erinnerung. Im Frühjahr 1948 erhielt die katholische Kirchengemeinde endlich ihren neuen Pfarrer: Gregor Forner. Die Bevölkerung samt Dorfprominenz, an der Spitze Bürgermeister Max Beck, empfing ihn am Bergschlößle und geleitete ihn mit Fahnenabordnungen und Musik in die Kirche, wo ihm eine feierliche Begrüßungszeremonie zuteilwurde.

Von der Kanzel aus gab der Pfarrer immer vor der Predigt auch kirchliche Nachrichten bekannt und er schloß mit den vertrauten Worten: „Nach der Messe ist Christenlehre für die Jungmänner“ bzw. „Jungfrauen“ (im wöchentlichen Wechsel). Gemeint waren die 14 bis 17-Jährigen, die nach der Schulentlassung über den Mittelgang in die erste Erwachsenenreihe gewechselt waren. Nach dem Sonntagsgottesdienst fanden sich die Leseratten in der Pfarrbibliothek im Schlößle ein. Ich bevorzugte Bücher von Wilhelm Hünermann und natürlich Karl May. Winnetou und Old Shatterhand waren unsere damaligen Helden, ebenso Tarzan und Billy Jenkins.

Für die heranwachsende Jugend fanden im Schlößle außerdem noch regelmäßig „Heimabende“ statt. Die Mädchengruppe leitete Frau Gertrud Bopp. Lieder, Volkstänze, aber auch Gebete und Messen wurden dabei einstudiert. Als Höhepunkt, so erinnert sich Mathilde Reißmüller, wurde zu Weihnachten im Lammsaal ein Theaterstück aufgeführt. Die Hauptrollen spielten meistens Elisabeth Jockel geb. Herkommer und Alfred Grupp, der die männliche Jugend unter sich hatte. Er organisierte auch mehrtägige Fahrradausflüge, etwa nach Zwiefalten und in die Schweiz, wo wir in Zelten übernachteten und manche Abenteuer erlebten.

Der aus Straßdorf gebürtige Pfarrer Augustinus Hieber (Kappers Pfarr`), heute verehrt als „Segenspfarrer vom Allgäu“, verbrachte jedes Jahr im August hier in seiner Heimatgemeinde den Urlaub. Regelmäßig zum Kirchenpatroziniumsfest des hl. Cyriakus - so berichtete mir Frau Gerda Betz - hielt er die Sonntagsmesse und predigte von der Kanzel. Die Kirche war dann immer voll, denn jeder wollte „ihn“ hören. Pfarrer Hieber wohnte in dieser Zeit bei seiner Nichte, Frau Ströbele (Zollers). Sein Zimmer war das ganze Jahr für ihn reserviert. Niemand sonst durfte darin übernachten. Seine Köchin habe einmal geäußert: „Das ist das Zimmer des Herrn“!

Manche Lehrer scheuten sich nicht, die Schüler manchmal auch zu eigenen häuslichen Verrichtungen einzusetzen, etwa zum Holz spalten, zum Kartoffelschälen in der Küche oder zum Einkaufen. Eine größere, von Amtswegen angeordnete Aktion war dagegen das Kartoffelkäfersuchen draußen auf den Feldern. Klassenweise wurden wir auf die Kartoffeläcker verteilt. Wir mußten Furche um Furche die Blätter nach den gelbschwarzen Käfern und den scheußlichen roten Larven absuchen und diese dann in ein Kartönchen streifen. Das Ganze war eine recht unappetitliche Angelegenheit. Jeder hatte schmierige, gelbe Finger. Zum Schluß wurde das „Sammelgut“ zusammengeschüttet und verbrannt.

In der großen Pause spielten die Buben „Fangerles“ oder kickten unter der großen Linde. Die Mädchen vergnügten sich mit „Himmel und Hölle“ oder mit „Zehnerle“ - einem Ballspiel an der Hauswand. Beliebt war auch das Reigenspiel mit dem Ohrwurm „Ein Schornsteinfeger ging spazier`n „. Da schauten sogar wir Kerle zu.

Auf der Straßenseite gegenüber war das kleine Lädle vom „Schurra-Willi“ (Wilhelm Schurr), der auch die Sparkassenfiliale betrieb. Dort kauften wir immer unsere Schulutensilien, Hefte, Bleistifte usw. ein und lieferten am Weltspartag brav unsere Spargroschen ab.

Höhepunkte im Schulleben waren die Schulausflüge. Kurz nach dem Krieg war an Omnibusfahrten nicht zu denken. Aber das hiesige Fuhrunternehmen Gebrüder Reißmüller vom Oberdorf besaß bereits einen Magirus-Lastwagen. Die damaligen Zweitklässler, Jahrgang 1938, unternahmen 1946 auf diesem Lastwagen unter Oberlehrer Stitz einen Ausflug ins Goißatäle mit Zwischenaufenthalt im Freibad Weißenstein. Die Schüler saßen luftig hinten auf dem offenen Wagen auf einfachen Bänken und hatten ihren Spaß!

Wie im ganzen Land wurde 1947 auch an der Straßdorfer Schule die Hoover-Speisung eingeführt, eine von den Amerikanern initiierte Zusatzmahlzeit, die auf eine Empfehlung des früheren US-Präsidenten Hoover zurückging. Das Essen wurde vormittags in der großen Pause von der Lammwirtin ausgegeben. Auch Lehrer halfen dabei mit. Jeder Schüler hatte ein eigens Eßgeschirr und einen Löffel mitzubringen. Es gab zum Beispiel Grießbrei mit Rosinen, Erbsensuppe oder Früchteeintopf. Das Essen war sicher recht nahrhaft, schmeckte aber nicht immer. Oft würgte man es halt so runter. Am beliebtesten war Kakao mit einem Wecken. Die Schüler wurden auch regelmäßig gemessen und gewogen. Häufig wurde uns Lebertran verabreicht, eine gefürchtete Tortur - aber so was von gesund!
Lehrer und Schüler freuten sich immer auf den letzten Schultag vor den großen Sommerferien. Sämtliche Schüler drängten sich im Klassenraum der 7.und 8. Klasse und Rektor Stitz, bestens aufgelegt, trug nach seiner Abschlußansprache alljährlich mit Begeisterung dasselbe Gedicht vor. Es begann und endete mit dem herrlichen Satz: „Ferien sind heute, die Schule ist aus!“

Winterfreuden

Es gab in diesen Jahren lange und strenge Winter, jedenfalls in der Erinnerung. Auf den Straßen lag viel Schnee. Sobald er von den wenigen Autos einigermaßen glatt gefahren war, konnte man wunderbar Schlitten fahren und „Schleifen“ ziehen. Auch Schlittschuhlaufen war auf der Straße möglich. Am begehrtesten waren Schlittschuhe der Marke Hudora. Man befestigte sie an den Schuhsohlen mit einem „Örgele“, das man natürlich ständig dabei haben mußte, nicht nur zum Auf- und Abschrauben, sondern auch weil sich die Eisen häufig von der Sohle lösten. Leider gab es in Straßdorf kein zugefrorenes Gewässer zum optimalen Schlittschuhlaufen, dafür aber eine beachtliche Eisfläche im Steinbruch beim Schützenhaus. Dort lieferten wir uns Eishockeyschlachten.

Zum Schlittenfahren lud vor allem die Halde ein mit ihren schönen Hängen beiderseits des Baches. Vom nördlichen Teil Straßdorfs gelangte man über s`Becka Roi` (Rain) in die Halde hinunter (heute ein ausgebauter Treppenweg). Außerdem gab es noch den Pfad vom Milchhäusle über die Wiese des Adlerwirts und über das Heuselbachbrückle. Vom Dorf her erreichte man in die Halde über das Schlößle und den Farrenstall oder über die Hohlgass`. Die Schlittenfahrer starteten am Schafbuckel hinter dem Farrenstall (heute steht hier das Feuerwehrhaus), kurvten beim Brünnele in die Hohlgass` und weiter gings Richtung Halde. Hier war immer viel los und ständig hallten die Rufe:
„Aus dr` Bah`, d` Katz hat Stiefel o`. wenn se wiederkommt, hat se koine o`!“.
Man fuhr entweder alleine auf dem Bauch liegend „im Fusch“ hinunter oder zu mehreren auf einem Schlitten, wobei der Letzte anschob und dann geschickt hinten aufsprang. Ideal war es, wenn vorne auf dem Schlitten ein Schlittschuhfahrer saß und lenkte. Das wirkte tempobeschleunigend und bewährte sich besonderes bei langen Abfahrten auf den Hauptstraßen(!), etwa vom Wasserwerk durch den Forst herunter oder, noch reizvoller, vom Bergschlößle durch die Kurven bergab über die Bahnschiene bis zum Gasthaus „Apostel“, je nachdem wie weit es die Schneeverhältnisse zuließen. Auch die Gmünder Jugend rodelte begeistert mit. Besonders in den Abendstunden fand dieses frohe Treiben statt. Allerdings herrschte damals noch kein großer Verkehr – aber trotzdem, man stelle sich so etwas heute vor!

In der Halde lernten viele auch das Skifahren. Ohne Skilifte war es aber eine recht mühselige Angelegenheit. Wegen der langen Anstiege mit dem üblichen Getrödel reichte es nur zu wenigen Abfahrten. Mußten für dieses Vergnügen vor und während des Krieges noch die Bretter von Mostfässern (Fassdauben!) herhalten, kamen wir schon in den Genuß von richtigen Skiern. Es waren aber lange Latten, mit denen man kaum kurven konnte und die primitiven Schnallenbindungen gingen ständig auf. Und häufig gab es „Ski-Salat“, denn die Bretter brachen häufig bei den vielen Stürzen. Die Mutigen und Talentierteren unter uns übten sich im Skispringen auf selbstgebauten Schanzen an Läpples Buckel oder am Schirenhof. Die Zuschauer beiderseits amüsierten sich über zahlreiche spektakuläre Stürze!

Ein beliebter Nervenkitzel für die Schlittschuhfahrer war das Dranhängen an Lastwagen. Wenn in der Dorfmitte ein solches Fahrzeug (wegen Benzinmangel waren es meistens noch Holzvergaser) mit verminderter Geschwindigkeit fuhr, hielten wir uns hinten fest und ließen uns entweder den Lamm-Berg oder auf der Göppinger Straße bis zum Burren hochziehen. Oben beschleunigten die Autos und es galt, rechtzeitig loslassen. „King“ war, wer sich als letzter vom Fahrzeug löste.

Bei viel Neuschnee haben einige Landwirte, wie zum Beispiel Viktor Mühleisen („Vidde“), mit Pferdeschlitten die Straßen und wichtigsten Feldwege geräumt. Das nannte man „bahnen“. Der Bahnschlitten hatte eine dreieckige Form, vorne spitz und hinten fast so breit wie die Straße. Wir Kinder rissen uns ums Mitfahren. Der Schlitten wurde durch unser Gewicht etwas schwerer und konnte so den Schnee tiefer wegräumen. Es war aber nicht so ganz ungefährlich und wir mußten ganz schön parieren!

Fasnachtsbutzer

Sie trieben in der Fastnachtszeit ihr Unwesen in der Dorfmitte. Ein bis zwei Wochen dauerte der Spuk. Die Fasnachtsbutzer trugen ein buntes Kostüm und waren maskiert. Sie flitzten durch die Straßen, jagten Kinder vor sich her, vor allem Mädchen, und verhauten sie mit ihren Ruten. An die Erwachsenen trauten sie sich nicht so heran. Trotz aller Angst lockten das bunte Treiben und der Nervenkitzel immer viele Kinder an. Sie hielten an den Hausecken Ausschau, stets bereit wegzurennen und reizte die Maskierten im Sprechchor:
„Fasnachtsbutzer, alta Kuah – stopf dein Arsch mit Lomba zua!“
In den Kostümen steckten 13 – 15 jährige Burschen, Halbstarke also. Ihre Zentrale hatten sie in Staudenmaier`s kleiner Scheuer in der Hundsgasse (Jurastraße). Dort kleideten sie sich um. Manchmal wählten sie auch die Lammwirts-Garage als Domizil. Die Kostüme waren jedes Jahr dieselben. Der gefürchtetste Fasnachtsbutzer war „dr` Raude“. In seiner rotschwarzen Verkleidung verbreitete er Angst und Schrecken.

Der Brauch hielt sich aber nur wenige Jahre. Ein großer Verlust war das sicher nicht.

Unterhaltung, Feste, Gastwirtschaften

Fernsehen war noch unbekannt. Man hörte Radio und las die Zeitung. Die Frauen hielten Dorfklatsch bei ihren täglichen Einkäufen, die Männer saßen in den „Wirtschaften“. Diese erfreuten sich regen Besuches. Man sah damals wesentlich mehr Betrunkene als heute.

Die ersten Gartenfeste feierten die Vereine in Kappers-Garten – da wo heute Gemeindehalle und Grundschule stehen. Die Besucher hockten auf Schrannen unter den Obstbäumen, plauderten oder lauschten den Klängen der Musikkapelle. Besonders wichtig hatten es die Kinder. Sie tollten herum oder umringten die Musiker, vor allem den Dirigenten Karl Bidlingmaier. Häufig gespielt wurde die Herz-Schmerz-Polka(„…denn seit mehr als 1000 Jahren ...“) oder auch aktuelle Schlager wie „Leise rauscht es am Missouri“.

Wenn Straßdorfer Vereine von auswärtigen Sing- und Musikwettbewerben oder Turnfesten zurückkehrten wurden die erfolgreichen Teilnehmer an der Marienkapelle mit Musik und Fahnenbegleitung abgeholt und bis zu ihrem Stammlokal begleitet. Die Leute säumten die Straße und winkten.

Straßdorf besaß noch keine Gemeindehalle, die damals auch noch niemand vermißte. Man hatte ja den großen Lamm-Saal. Dort fanden die ersten Theateraufführungen des Liederkranzes und des Turnvereins statt. Vom Stück „Über Land und Meer“ schwärmten sogar wir Buben, auch „Die Lindenwirtin“ mit Roswitha Beck und Werner Menrad als Hauptdarsteller wurde begeistert aufgenommen. Ich erinnere mich an den Festabend anläßlich der Glockenweihe im Jahre 1950, wo ich ein Gedicht aufsagen durfte. Ebenso werden sich noch viele an die schönen Faschingsbälle erinnern, die von den Vereinen veranstaltet wurden. Etwas, das es schon lange nicht mehr gibt: Öffentliche Hochzeiten! Nach der kirchlichen Trauung feierte das Brautpaar mit der Verwandtschaft im Lamm-Saal und jeder konnte teilnehmen. Das taten auch viele, wobei man natürlich als erstes dem Brautpaar die Hand schüttelte und ein Geldpräsent zusteckte.

Auch im „Hirsch“ fanden Tanzveranstaltungen statt. Hans Baumhauer erinnert sich noch gut daran. Dort spielte Samstagabend und Sonntagnachmittag die Musikkapelle Ehmer, die wegen ihres Bekanntheitsgrades auch auswärtige Besucher anzog. Dazu wurden aus eigener Herstellung Eis, Kuchen und Getränke angeboten, was es sonst fast nirgendwo gab. In der Faschingszeit wurden „Kinderbälle“ veranstaltet. Der “Hirsch“ verfügte über die einzige Kegelbahn im Ort. An den Wochenenden dröhnten die Kugeln. Als „Kegelbua“ konnte man sich ein Taschengeld verdienen.

Der „Adler“, die älteste Straßdorfer Wirtschaft, war beliebtes Ziel Gmünder Honoratioren. In der Gaststube hängt noch heute ein ältere Fotografie, geschossen am 18.01.1936 von der damals 14-jährigen Wirtstochter Gretel, auf dem einige dieser „Herren“ abgebildet sind - die Namen und Titel stehen auf der Rückseite. Der „Adler“ war auch das Stammlokal des Liederkranzes. Der 04. Juli 1954 war für den „Adler“ ein denkwürdiger Tag: Oben im Saal stand der erste Fernseher in Straßdorf – natürlich noch ein Schwarzweißgerät. Gut 200 Zuschauer fieberten mit, als Deutschlang die favorisierten Ungarn 3:2 niederrang und Fußballweltmeister wurde. Ausgerechnet an meinem 16. Geburtstag durfte ich diesen Triumpf im überfüllten Adlersaal miterleben. Die Stimmung war unbeschreiblich. Für die Menschen in ganz Deutschland erhielt das „Wunder von Bern“ Symbolkraft als Zeichen des Aufbruchs nach dem verlorenen Krieg. Historiker bezeichnen diese Aufbruchsstimmung als mit ausschlaggebend für das nun folgende Wirtschaftswunder. Die Nachkriegszeit gehörte der Vergangenheit an!

Das Fernsehereignis im Adlersaal war auch in Straßdorf, wie überall, der Eintritt ins Fernsehzeitalter. Die Elektrofirma Fetzer stellte bei spannenden Fußballspielen im Gasthaus „Hirsch“ ein Fernsehgerät auf. Die Gäste zahlten Herrn Fetzer (sein Geschäft lag genau gegenüber im Hause Weber) einen geringen Obolus und genossen das Spiel bei Bier und in Gesellschaft mit anderen Fans. Nach und nach legten sich Immer mehr Privatleute einen Fernseher zu. Zu ihnen gehörte Gemeindepfleger und Darlehenskassenrechner Herbert Reißmüller. Bei Länderspielen und deutschen Endspielen drängten sich seine Stammtischbrüder vom „Lamm“ im Wohnzimmer um den Bildschirm - das Fußballgeschehen leidenschaftlich kommentierend. Selbst die drei Straßdorfer Ordensschwestern versammelten sich vor Reißmüllers Fernseher - allerdings nicht bei Fußballspielen oder beim „Blauen Bock“, sondern zur Übertragung des päpstlichen Segens „urbi et orbi“ vom Petersplatz in Rom am 1. Weihnachtsfeiertag und am Ostersonntag. Die Schwestern hatten zu dieser Zeit im Schlößle noch kein Fernsehgerät. Bei den Segensworten von Papst Pius XII. knieten sie ergriffen nieder und bekreuzigten sich.

Im Saal des „Löwen“ im Oberdorf brachte Tanzlehrer Schwarz aus Lorch den jungen Straßdorfern das Tanzen bei. Man machte das „Tanzkränzle“. Die männlichen Teilnehmer waren 16 bis 17 Jahre alt, die Mädchen ein Jahr jünger. Jeder „Mann“ mußte sich schon vorher eine Partnerin suchen. Der gemeinsame Gang des Paares durch den Ort zu den Tanzstunden war immer auch ein kleines, verlegenes Schaulaufen.

Ein Weizenbier in der „Krone“ zum Frühschoppen nach der Sonntagsmesse war Kult! Und in der „Wirtschaft zum Bahnhof“ servierte die Mutter des heutigen Seniorchefs Albert Scherrenbacher schmackhafte Bratkartoffel mit eingeschnittener Blutwurst („Kaminfeger“). Jede Wirtschaft hatte ihre Stammgäste. Und viele Stammgäste hatten eines oder mehrere Stammlokale, wo Originale wie der „Latten-Jörg“ ihre Sprüche klopften!

Anfangs der 50er-Jahre unterhielt das Ehepaar Strobel einen kleinen Verkaufskiosk vor dem Hause von August Schmid in der Einhornstraße. Dort gab es allerhand „Schlecksach`“ zu kaufen, aber auch Zigaretten! Die damals gängigen Marken wie „Zuban“, „Salem“, „Ova“ oder „Ernte 23“ erhielt man schon in kleinen 5-Stück-Packungen und wenn das Taschengeld reichte, wagte man hin und wieder verstohlen den Einstieg in dieses Laster! Die gekauften Zigaretten schmeckten viel besser, als die stinkenden Huranken, die wir beim Kühe hüten in der Halde qualmten.

Nach dem Bau des Pfauenweges errichteten die Strobels einen Anbau an das Haus Schmid mit einem Laden und einer kleinen Wirtschaft namens „Schwalbennest“ - zu erreichen über eine große Treppe. Die Wirtschaft lockte die männliche Jugend mit den ersten Spielautomaten.

Kino war sehr beliebt. Filme entführten die Menschen in eine schöne, heile Welt und lenkten von der harten Wirklichkeit ab. In Gmünd gab es das „Gamundia“ in der Bocksgasse und den „Palast“ in der Kappelgasse, von Straßdorf zu Fuß in einer halben Stunde zu erreichen. Der billigste Platz, 2. Parkett, kostete 70 Pfennig. Für die ersten großen Erfolgsstreifen „Schwarzwaldmädel“ oder „Grün ist die Heide“ standen die Menschen gerne Schlange.

Maimarkt und Kirchweihmarkt waren für uns Kinder große Ereignisse, auf die man sich immer wieder freute.

An was man sich sonst noch erinnert

Als eine ganz große Sache in Erinnerung habe ich den Bau der „Czisch-Linie“. So nannte man die neue Wasserleitung, die der Gmünder Oberbürgermeister Franz Czisch bauen ließ, um die Stadt mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen. Sie führte durch den Tobel, unter der Bahnlinie hindurch, den heutigen Grünen-Plan-Weg entlang bis hinunter nach Gmünd zur Waldstetter Brücke. Als Buben waren wir fasziniert von der technischen Möglichkeit, einen Bach und eine Eisenbahnlinie zu unterqueren. Beeindruckend war ebenso die Tiefe des Grabens. Die Eltern verboten uns, die gefährliche Baustelle aufzusuchen. Wenn wir uns trotzdem dort herumtrieben, verjagten uns die Bauarbeiter. Mein Klassenkamerad Albert Scherrenbacher erinnert sich noch, daß die rund 200 Arbeiter von der Küche der elterlichen Bahnhofswirtschaft verköstigt worden sind. Seine Mutter leistete dabei die Hauptarbeit. In Milchkannen transportierte immer Herr Samsel das Essen, vorwiegend Eintopf, zur Baustelle.

Es wurde viel gelaufen. Auch nach Gmünd ging alles zu Fuß und natürlich auch wieder zurück - den steilen Alten Berg hinaufschnaufend. Außer wenigen Geschäftsleuten besaß zunächst niemand ein Auto. Sogar der ortsansässige Arzt Dr. Huber mußte immer wieder ein Auto anmieten. So nach und nach stieg die Zahl der Autobesitzer. Sie waren oft Helfer in der Not, zum Beispiel bei Krankentransporten, Fahrten zur Entbindung, zum Bahnhof oder auch bei Hochzeiten.

Häufig in Gebrauch waren Motorräder, viele mit Seitenwagen. Wir Buben hatten Wichtiges zu diskutieren: Welche Maschine war die beste? BMW, NSU, DKW, Horex, Maico, Puch oder Zündapp? Wir schwärmten von den Motorradhelden Schorsch Maier und Heiner Fleischmann und fieberten am Radio bei den großen Rennen auf der Solitüde. Man spottete über einzelne Marken: „DKW verreckt im Schnee“ oder „NSU verreckt im Nu!“.

Es gab noch keine Kühlschränke. Die Frauen und Mütter konnten daher verderbliche Lebensmittel nicht auf Vorrat kaufen und waren notgedrungen täglich viel unterwegs, um ihre Lieben zu versorgen: zum Bäcker, zum Metzger oder ins Milchhäusle. Häufig wurden natürlich die Kinder geschickt. Manchmal dienten die Stufen der Kellertreppe als Kühlschrank, im Sommer wurde hier auch die schmackhafte „saure“ Milch kühl gehalten.

Auf dem Heimweg von der Schule im Innerdorf konnte man schön trödeln und „rombuabla“. Ich wohnte im „Ussadorf“ (Außendorf). Dazwischen - unterhalb des Gartens von Postmeister Nägele - lag s`Brünnele . An dieser Stelle befindet sich heute die Bushaltestelle zwischen „Hirsch“ und „Adler“. Dort blieben wir immer am längsten hängen und bespritzten uns aus dem langen, steinernen Trog. Zweimal täglich brachte Bauer Viktor Mühleisen („Vidde“))seine Pferde hierher zur Tränke. Daß wir uns hier am Ursprung des Haldenbaches (Heuselbach) befanden, war uns ebenso wenig bewußt wie die interessante Tatsache, daß dieses kleine Gewässer damals ein tiefes Bachbett bildete - für Fuhrwerke nicht passierbar. Für Fußgänger gab es eine hölzerne Brücke. Die befahrbare Hauptverbindung in den Ort führte über die Wallenstraße und den westlichen Teil der Alemannenstraße (früher Bauerngasse). Der Bau des heutigen Straßenverlaufs am „Adler“ vorbei erfolgte laut Ortschronik erst zwischen 1830 und 1836.

Leider gab es in Straßdorf kein Freibad. Wir mußten hinüber nach Waldstetten und lernten das Schwimmen im dortigen Bad. Wer kein Fahrrad besaß, ging zu Fuß. Das dauerte fast eine Stunde, der Rückweg mindestens doppelt so lange, weil wir im Nachbardorf immer herumbummelten, bevor wir uns dann den langen Anstieg Richtung Straßdorf hinaufquälten. Trotzdem ging man immer gerne ins Waldstetter Freibad. Auf der überfüllten und damals noch recht kleinen Liegewiese war ständig etwas los. Häufiges Gesprächsthema bildeten die Gucklöcher in den Umkleidekabinen!

Gerne erinnert man sich noch an den idyllischen Fußpfad in die Halde. Er begann nach dem Milchhäusle hinter dem „Adler“, führte steil hinunter zum Heuselbach (der Geländeeinschnitt wurde später aufgefüllt), über ein Brückle in die Haldenwiesen und weiter am unteren Waldrand entlang bis zum Kriegshäusle. Man durchquerte das Anwesen und gelangte in das Wäldchen im Ramnest. Die alten Straßdorfer vermissen dieses schöne „Wegle“ schmerzlich.

Die meisten Buben waren fußballbegeistert. Bei Heimspielen des Turnvereins verbrachten wir die Sonntagnachmittage auf dem Sportplatz. Nach dem Krieg diente zunächst eine gepachtete Fläche im Emerland als provisorischer Sportplatz (später entstand dort das Zimmergeschäft Reinhold Weber). 1948 konnte der Sportbetrieb wieder auf dem alten Platz am „Käppele“ aufgenommen werden. Während des Krieges war er als Kleingartenland genutzt worden. Zur Einweihung des neu angelegten alten Platzes wurde ein großes Pokalturnier ausgetragen. Zuerst bestritt der TV Straßdorf das Einlagespiel gegen Normannia Gmünd. Ich stand unmittelbar hinter dem Tor an der Hauptstraße und erlebte hautnah den ersten Treffer auf dem neuen Sportplatz: Erich Kern, kurz zuvor aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, erzielte ihn mit einem Flachschuß zum überraschenden, vielbejubelten 1:0 für Straßdorf. Die Normannen gewannen am Ende standesgemäß noch 5:1. Hinter den Fußballtoren waren damals noch keine Netze angebracht; einfacher Maschendraht tat es auch.

Die Straßen gehörten nicht nur den Autos. Das merkte man vor allem sonntags, wenn die Fußballer des TV Straßdorf ein Heimspiel hatten. Am frühen Nachmittag trabten die Spieler im Sportdress auf der Hauptstraße Richtung Sportplatz, ihre Kickstiefel mit den Stollen „bockelten“ über den Asphalt. Die Spieler der auswärtigen Gastvereine hatten ihr Quartier im „Lamm“, wo sie sich umkleideten und nach dem Spiel wuschen, denn auf dem Sportplatz gab es dazu keine Gelegenheit. Über das Reinigungsprozedere erzählt Werner Rieg, der damals noch im Lamm wohnte: „Das Waschen fand im Hinterhof statt. Duschen gab es damals noch nicht. Meine Mutter hat immer vier Eimer mit heißem Wasser bereitgestellt für Gesicht und Oberkörper. Der Rest wurde mit dem Kaltwasserschlauch erledigt. Das war auch zu meiner aktiven Zeit ab 1963 so!“ Nachmittags wanderten ganze Heerscharen Fußballbegeisterter mitten auf der Hauptstraße zum Sportplatz am Käppele und nach Spielschluß wieder - heftig diskutierend - zurück. Zwischen den Fans die abgekämpften Spieler, verschwitzt und zerzaust. Auch zu den Spielen der höherklassigen Normannia pilgerten zahlreiche Straßdorfer die „neue Straße“ herunter nach Gmünd. Um das Eintrittsgeld für das Stadion im Schwerzer zu sparen, beobachteten viele oben von der Bahnlinie aus das Match. Gemeinsam marschierte man später wieder - mitten auf der Straße - hinauf in die Heimat.

Viele Bauern und Nebenerwerbslandwirte prägten damals noch das Ortsbild mit. An den Misthäufen vor den Häusern störte sich niemand. Die Hinterlassenschaften der Kühe und Pferde auf der Straße wurden in Eimern aufgesammelt und waren begehrter Dünger in den Gärten. Im Lagerhaus der Darlehenskasse in der Hundsgasse holten sich die Landwirte Düngemittel und Saatgut. Für die Gesundheit des Viehs im Stall sorgte Tierarzt Faul.

Den Polizeiposten versah Landjäger Willi Schobel, ein freundlicher, angenehmer Mann. Er verzog nach seiner Pensionierung zu seiner Tochter Inge in die USA, wo er auch verstarb. Wir begegneten ihm mit Respekt, fürchteten ihn aber nicht allzu sehr. Vor seinem Kollegen Munz, der später hinzukam, hatte man schon mehr Mores, manche kreideten ihm seine Schlitzohrigkeit an. Die Polizeidienststelle befand sich damals noch im Hause Bieser neben dem Schlößle.

Die größeren Kinder und die heranwachsende Jugend fieberten jedes Jahr dem Abend des 30. April entgegen, dem Abend der Maienstreiche! Nach meiner Erinnerung wurde diese Unsitte damals noch intensiver gepflegt als heute, die Streiche waren eher noch schlimmer. Sie waren jedenfalls origineller, vor allem wenn sie von Älteren inszeniert wurden. So amüsierte sich einmal das ganze Dorf über einen mit Mist beladenen Wagen oben auf dem Dach einer Scheuer in der Wallenstraße. Die Schulkinder hatten es besonders auf die Gartentürchen abgesehen, sie wurden ausgehängt und in die Hecken geworfen. Einen Heidenspaß bereitete es uns, als wir unter dem Kommando von Anne Grupp ein Klohäuschen der Bauarbeiter im neuen Siedlungsgebiet „Schorren“ mit Karacho umkippten.

In Fräulein Klara Barthle hatte Bürgermeister Max Beck eine tüchtige, ortskundige Sekretärin. Die Geburtstage des halben Dorfes kannte sie auswendig. Sie wohnte neben dem Gasthaus „Lamm“. Morgens, bevor sie ins Rathaus ging, suchte sie regelmäßig die Lammwirtin auf und ließ sich von ihr berichten, was tags zuvor in der Wirtschaft geschwätzt wurde. Anschließend erfuhr dann auch ihr Chef diese Neuigkeiten.

Ein kommunales Mitteilungsblatt war noch unbekannt. Stattdessen wurde „ausgeschellt“, der Job des Amtsboten Rieg. Er war meistens mit dem Fahrrad unterwegs, klingelte (schellte) mit seiner Glocke, stellte sich an bestimmten, gut einsehbaren Plätzen in Position und verlas mit getragener Stimme die „Bekanntmachung“. Danach befestigte er den Textdurchschlag an der nächsten Anschlagtafel, von denen es etliche im Dorf gab. Dort konnte man alles nochmals nachlesen, solange die Buchstaben nicht vom Regen verwaschen waren.

Es gab eine funktionierende Feuerwehr im Dorf, man besaß aber noch keine Sirene! Samstagnachmittags fanden zu festgelegten Terminen Feuerwehrübungen statt. Um die Wehrmänner an die anberaumten Übungen zu erinnern, radelten Heiner Eigenberger und Anton Kolb durch die Straßen und bliesen dabei auf einem Horn. Das zeigte Wirkung: Man sah bald darauf die Feuerwehrmänner zum Spritzenhaus eilen. Manche nestelten noch im Laufschritt an Gürtel und Uniform.

Heute sieht man im Dorf keine Leute mehr Kuchenbleche hin und her tragen. Früher schon! Kuchen gebacken wurde immer, auch in Notzeiten reiften Zwetschgen. Weil man zu Hause aber keine geeigneten Backöfen besaß, trug man das Kuchenblech zum oberen oder unteren Beck` und ließ dort den unfertigen Teig für einen kleinen Obolus backen. An den Teig wurde vorher im Laden ein kleines Namenszettelchen gedrückt. So kam es später beim Abholen zu keinen Verwechslungen.

Der Leichenwagen gehört ebenso der Vergangenheit an. Man kannte damals noch keine Leichenhalle am Friedhof. Die Toten lagen bis zur Beerdigung zu Hause aufgebahrt. So konnten die Angehörigen in Ruhe von ihrem Verstorbenen Abschied nehmen. Gemeinsam mit Verwandten und Nachbarn betete man am offenen Sarg. Kurz vor der Beerdigung fuhr der schwarze Leichenwagen, gezogen von zwei Pferden, vor dem Trauerhaus vor, wo sich die Mittrauernden aus dem Dorf schon versammelt hatten. Auf dem Weg zum Friedhof ging die Familie des Verstorbenen direkt hinter dem Wagen her, die übrigen Trauergäste schlossen sich an. Der Zug bewegte sich zum Friedhof, wo die Beisetzung erfolgte. Erst danach begab man sich zum Requiem in die Neue Kirche. Der Leichenwagen war im Spritzenhaus abgestellt. Der letzte Leichenwagen-Kutscher war Landwirt Josef Frey (Hausname Dexler).

Mehr als sechs Jahrzehnte sind inzwischen vergangen. Wir erfreuen uns heute eines Lebensstandards, wie man ihn sich damals nie hätte vorstellen können. Rückblickend fragen wir uns manchmal, ob wir die Not der Nachkriegsjahre vielleicht nur geträumt und gar nicht wirklich erlebt haben? Doch wir haben sie tatsächlich erlebt und möchten sie kein zweites Mal mehr erleben. Aber wir möchten die Erinnerungen an diesen prägenden Abschnitt unseres Lebens nicht missen!

19.09.2013